Aktionskonsens

30. Juni 2018 – Dieser Text basiert weitgehend auf dem, von Ende Gelände in Deutschland entwickelten, Aktionskonsens und dem Aktionskonsens von Code Rood für die Aktion im Hafen von Amsterdam am 24. Juni 2017. Eine große Gruppe von Einzelpersonen und Arbeitsgruppen hat diesen Text in verschiedenen Phasen in einem gemeinsamen Prozess mit offen zugänglichen Diskussionen bearbeitet. Am Ende dieses Prozesses wurde der Aktionskonsens in zwei Schritten auf der Aktionskonferenz von Code Rood am 6. Mai und am 30. Juni 2018 fertig gestellt und von allen Beteiligten angenommen.

Ziel des Aktionskonsenses ist es, die Aktion für alle Beteiligten transparent und zugänglich zu machen: Menschen mit wenig Aktionserfahrung, mit unterschiedlicher körperlicher und geistiger Fitness etc. Der Aktionskonsens zeigt, dass wir uns gegenseitig rücksichtsvoll behandeln und unterstützen, auch bei einer großen Aktion wie der von Code Rood. “Wir sagen, was wir tun, und wir tun, was wir sagen.“ Jede*r, die / der diesen Konsens akzeptiert, ist willkommen, sich der Aktion anzuschließen. Aufgrund des umfangreichen und sorgfältig gestalteten Prozesses und der damit verfolgten Ziele ist uns der Aktionskonsens sehr wichtig. Wir werden daher alles daran setzen, dass alle an der Aktion Beteiligten den Inhalt dieses Dokuments kennen.

In diesem Sommer werden wir gemeinsam den bestehenden Widerstand im Groninger Gasfördergebiet unterstützen, indem wir den normalen Betriebsablauf der Gasförderung durch zivilen Ungehorsam stark stören. Angesichts der Schwere der akuten, erdgasbedingten Erdbeben, des nicht geleisteten Schadenersatzes dafür und der sichtbar eskalierenden Klimakrise halten wir es für notwendig und gerechtfertigt, einen Schritt weiter zu gehen – von öffentlichen Protesten hin zu zivilem Ungehorsam.

Wir werden rund um den Tag der Befreiung Groningens („Gronings Ontzet“) aktiv werden. In Groningen, Europas größtem Gasfördergebiet, ziehen wir eine Grenze. Indem wir bewusst Gesetze brechen, stellen wir uns in eine lange Geschichte gerechter und notwendiger sozialer Kämpfe. Mit diesem legitimen Widerstand wenden wir uns gegen die Zerstörung von Häusern, Geschäften, historischem Erbe und Natur in Groningen und gegen die bewusste Bürokratie, den Unwillen und die Lügen der NAM, Shell, Exxon und der Regierung. Mit Organisation und Handeln von unten nach oben begegnen wir der gefährlich verschmolzenen Macht von Unternehmen, die Profit vor Mensch und Natur stellen, und einer Regierung, die dies ermöglicht. Dabei stehen wir solidarisch mit allen Menschen weltweit, die von der sozialen und ökologischen Zerstörung durch die fossile Energiewirtschaft betroffen sind.

Wir müssen den Abbau von Öl, Kohle und Gas so schnell wie möglich vollständig stoppen, um den weiteren Klimawandel aufzuhalten. Darüber hinaus hat die weltweite Förderung fossiler Brennstoffe verheerende Folgen für die lokale Bevölkerung und die Natur. Dieses Bewusstsein bringt immer mehr Menschen zusammen. Gruppen von Einheimischen, Bäuer*innen und Stadtbewohner*innen stoppen Kohlekraftwerke in Indien, Pipelines in den USA, Braunkohlebergwerke in Deutschland, Fracking in Brasilien und Ölbohrungen in Nigeria. Gemeinsam mit ihnen und vielen anderen bilden wir eine globale Bewegung gegen die Zerstörung durch die Fossil-Industrie.

Die Aktion bietet verschiedene Ebenen der Beteiligung. Jede*r, die / der teilnehmen möchte, ist herzlich eingeladen, dies in einer Weise zu tun, die zu ihr / ihm passt. Persönliche Erfahrungen mit ähnlichen Protesten sind nicht erforderlich. Mit einer Vielzahl von Bannern und symbolischen Objekten machen wir auf die vielen zerstörerischen Auswirkungen der Gasproduktion in Groningen und der fossilen Brennstoffindustrie im Allgemeinen aufmerksam.

Wir kommen aus verschiedenen Regionen: Groningen, dem Rest der Niederlande und darüber hinaus. Gemeinsam sind wir für den Erfolg der Aktion verantwortlich. Während der Aktion unterstützen wir uns gegenseitig. Wir blockieren und besetzen mit unseren Körpern und werden keine Maschinen oder Infrastruktur beschädigen oder zerstören. Bei Bedarf werden wir uns durch oder über Hindernisse der Polizei oder der NAM hinweg bewegen. Unser Handeln wird ein Bild von Vielfalt, Kreativität und Offenheit ausstrahlen. Die Sicherheit der Kämpfer*innen, Mitarbeiter*innen und Umstehenden im Aktionsbereich hat für uns höchste Priorität. Wir werden kein lebensbedrohliches Gebiet betreten. Wir sind gründlich auf eine sichere Umsetzung unserer Blockade vorbereitet, unter anderem durch die Teilnahme an Schulungen im Vorfeld der Aktion. Wir werden detaillierte Informationen über die Sicherheitsvorschriften im Aktionsbereich in Bezug auf das Vorhandensein fossiler Brennstoffe erhalten.

Während der Aktion werden wir uns ruhig und besonnen verhalten. Eskalation wird von uns nicht provoziert und wir werden nicht als Reaktion auf Provokationen eskalieren. Unser Vorgehen richtet sich nicht gegen Mitarbeiter*innen oder die Polizei. Unser Handeln richtet sich gegen die Politik der fossilen Brennstoffe, insbesondere gegen NAM, Exxon, Shell und die Regierung. Wir glauben, dass es wichtig ist, einander mit Respekt und ohne Vorurteile zu behandeln. Sexuelle, rassistische und andere diskriminierende Äußerungen werden nicht toleriert. Wir erkennen, dass wir alle von unserem Hintergrund geprägt sind und sind bereit dafür, voneinander zu lernen und die Gefühle des anderen zu verstehen und anzuerkennen. Bei Bedarf können sich alle Kampagnenteilnehmer*innen an die Unterstützungs-Gruppe (Awareness Team) / Vertrauenspersonen wenden.

Wir sind uns bewusst, dass der gesellschaftliche Wandel aus einer Kombination verschiedener Formen des Widerstands resultiert, einschließlich legaler Demonstrationen und Überraschungsaktionen, die von kleineren Gruppen vorbereitet werden. Wir führen eine bereits angekündigte Aktion des zivilen Ungehorsams durch. Wenn es während der Kampagne auch Gruppen gibt, die aktiv werden wollen, bitten wir sie, den Ort, den Zeitpunkt und die Form der Aktion so zu wählen, dass der Aktionskonsens von Code Rood und seine Teilnehmer*innen berücksichtigt werden. Wir lehnen alle Versuche ab, den Widerstand gegen die Gasproduktion für reaktionäre und nationalistische Zwecke zu nutzen.

Wir wissen, dass die Arbeitnehmer*innen von ihrer Arbeit abhängig sind, um sich und ihren Familien ein Einkommen zu sichern. Deshalb fordern wir die Schaffung eines Übergangsfonds für die Arbeitnehmer*innen in der Fossil-Industrie. Klimagerechtigkeit bedeutet für uns nicht nur, dass fossile Brennstoffe im Boden bleiben. Es bedeutet auch, dass es in dem notwendigen Übergang lohnende Beschäftigungsmöglichkeiten für alle geben wird, in einer Wirtschaft, die alle ihre Bewohner*innen und alles Leben auf unserem Planeten respektiert. Jetzt und in Zukunft.